Aus der Chronik von Roggwil 1835

Die Notjahre seit 1570 brachten eine Vermehrung der Armenlast. Planlose Wohltätigkeit leistete dem Bettel Vorschub. Die folgenden guten Jahre vermehrten nur die Liederlichkeit, die der dreissigjährige Krieg zur Verwilderung steigerte. Vaganten und Gesindel, fremdes herumstreichendes Volk fanden in der Schweiz ein Paradies. Diesen Übelständen zu begegnen, veranstaltete die Regierung von Zeit zu Zeit Betteljeginen. Eingefangene unerwünschte Fremde wurden über die Grenze gejagt, angehörige anderer Kantone heimgeschickt.

Die Berner bekamen eine ernste Mahnung zu sesshaftem Wesen und Arbeitsamkeit. Wer sich mutwillig der Arbeit entzieht und dem Bettel ergibt, wurde 1614 verordnet, soll angefesselt und zu öffentlichen Werken verwendet werden. Arbeitsfähige Landstreicher wurden auch nach Venedig, Genua und anderen Hafenstädten als Ruderknechte auf Galeeren verschickt oder zu fremden Kriegsdiensten gezwungen. Dem eingerissenen Unwesen zu steuern, erliess die Obrigkeit Bettelverordnungen. Diese unterschieden fremde Bettler und Vaganten von fremden Glaubensgenossen, die durch den wiedererstarkten Katholizismus aus ihren Ländern vertrieben wurden. Glaubensgenossen empfahl man der allgemeinen Unterstützung, wie auch den reisenden Handwerksburschen an den Häusern Zehrgeld verabreicht werden durfte.
 

Auszug aus dem Armenwesen

  1. Die Gemeinden mögen ihre Armen mit Steuern erhalten, oder sie in die Häuser und Güter abteilen.
  2. Alles Betteln ist verboten.
  3. Alle Landstreicher, Kräzenträger u. A., die sich zudringlich einquartieren sind fortzuweisen.
  4. Einheimische Arme mögen sich nach Belieben aufhalten oder heimkehren. Die Gemeinden sollen auch Hintersäßen dulden. Auch angenommene Landeskinder sollen geduldet werden. Jede Gemeinde ist verpflichtet, ihre Armen wieder anzunehmen.
  5. Fremden Armen, so katholisch, soll man ein Almosen geben und heimweisen; Vertriebene wegen Religion nach Umständen behandeln.
  6. Müssiggänger, Liederliche warnen, strafen, bevogten.
  7. Junge Leute gegen allzu frühe Verehelichung warnen, falls solche der Gmeind auffallen könnten, ihnen das Dorfrecht einstellen.
So ward durch diese Bettelordnung das Land von dem überhandnehmenden Zigeuner-, Strolchen- und Bettlerpack gesäubert und für die einheimischen Armen gesorgt.
 

Einzugsgelder

Von Bürgern, wenn einer sich ein Weib aus einer anderen Gemeinde nimmt Fr 25
aus einem anderen Kanton Fr 76
eine Ausländerin Fr 100
für eine aus dem Canton Solothurn (!) Fr 100 

 

Sittenmandate

1609 Verordnung wie gegen die der Hexerei verdächtige oder Beschuldigteim Prozessen soll verfahren werden:
Bei der Folter dürfen nur 50, 100 und 150 pfündige Steine und jeder Stein nur zum dritten mal angehängt und nur langsam dabei verfahren werden, Schuldige so bekennen, Diesem oder Jenem das Vieh verderbt, diesen oder jenen Menschen getötet zu haben, sollen hingerichtet werden
1647 Sonntägliche Hochzeiten, Fluchen und Schwören verboten
1659 Knecht und Magd nicht zusammen logieren.
1659 Das Tabakrauchen und Trinken, so das Schnupfen und Kauen, als landschädlich, ehebrecherisch, gemüths- und leibsverderblich, bei 50 Pfd Buss oder je nach Umständen bei Naseabschneiden, verboten
1673 Da Trinken und Brennen aller Art gebrannten Wassers, von Äpfeln, Birnen, Kirschen verboten, ausgenommen das schwarze Kirschenwasser, so es als Arznei gebraucht wird.
1686 Vorzeitige Schwangerschaften zu strafen, dass die Bräute am Hochzeitstag das Kränzlein nicht tragen dürfen.

 

Erkanntnissen über Polizeiangelegenheiten

1603 Wachtfeuer auf den Höhen angeordnet.
1643 Das Zielschiessen an Sonntagen abgestellt und auf Montag verlegt.
1659 Die jährliche Zigeunerjäge angestellt, um die ins Land geflohenen Zigeuner und Heiden auszujagen.
1665 Exerzieren an Sonntagen verboten.
1681 Wer vor dem Acherum Eicheln auflesen thut, soll mit der Trüllen gestossen werden und 1 Pfd. Buß zahlen.
1686 Das vor wenig Jahren aufgehobene Schallenwerk der Bettler und Müßiggänger wieder eingeführt.
1796 hat die Regierung zu Handen der Armen bei 50 bis 100 Pfd Bußverboten, den franz. Emigranten Aufenthalt zu gestatten, wenn dieselben nicht genügend Zeugnisse von ihren regierenden Herren und Oberen zeigen und vorweisen können.

In älteren Zeiten waren übliche Correktionsmittel: das Bloch, die Trüllen, das Rübloch, Herdfällige in der Kirche, Geldbußen.
 
 

Auszug aus der Kirchenchronik

Nach den burgundischen und schwäbischen Kriegen zu Ende des 15. Jahrhunderts war eine grosse Verwilderung und Ausartung der Sitten unter dem Volk. Es bildete sich die tolle Bande unter Anführung Peters am Stalden von Eschholzmatt, welche nichts als eine grosse Räuberbande war. Die üblichen Strafen, Henken, lebendig rädern, Verbrennen, Kneipen mit glühenden Zangen, Ertränken, lebendig begraben, Pfählen, schreckte das verwilderte Volk nicht mehr, daher die Tagsatzung beschloss: wer soviel stehle, als ein Strick werth sei, solle gehenkt werden. Zu Ende des 15. Jahrh. wurden in einem Jahr 1500 Diebe und Mörder hingerichtet.

Aber auch bei den Priestern war große Sittenlosigkeit eingerissen. In der Kirche war schon lange Entstellung der Lehren des ursprünglichen Christentums herrschend geworden, heillose Missbräuche waren eingeschlichen, überhaupt die Unwissenheit und Verdorbenheit der Priester, wie die Anmaßungen des Pabstthums so arg, dass die Regierung zu Bern Anfang des 16. Jahrh. nach dem Beispiele Zürichs für gut fand, eine Reformation einzuführen.

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